Posts filed under 'Bildung'

“Amerikanisierung” falsch verstanden

Gabi (danke für den intersannten Hinweis!) verweist in ihrem Blog auf einen Artikel von Havard-Professor Jeffrey Hamburger in Forschung und Lehre, zum Umbau des deutschen Hochschulsystems. Was hierzulande häufig als Amerikanisierung gesehen wird, empfindet Hamburger, selbst Professor in Harvard, als einen Verlust von Werten, die ausgerechnet die amerikanischen Hochschulen im 19. Jahrhundert versucht haben von der deutschen Hochschule zu übernehmen. Interessant, dass Hamburger in den US-amerikanischen Bachelor-Master-Abschlüssen ausgerechnet die Flexibilität, Wahlfreiheit und Selbstverantwortung (”die Freiheit, den eigenen Studienverlauf selbst zu gestalten”) wiederfindet, die hierzlande mit Verweis auf effizientere (Aus-) Bildung eher kritisch betrachtet wird.

Für mich ein deutliches Zeichen dafür, dass Fragen zur Flexibilität und zur Gestaltung von Studienpfaden mit Bologna nicht gegessen sind, im Gegenteil. Gerade jetzt sollte man sich Gedanken machen, wieviel Freiheit man Studierenden zutraut. Zumal man ja am Ende den selbstorganisierten Lernenden haben will


1 comment Juni 17, 2008

Net-Generation Expertenchat: Protokoll online

Leider konnte ich beim e-teaching.org Expertenchat mit Rolf Schulmeister nicht dabei sein, da war ich gerade auf der Autobahn: Mittlerweile ist das Chatprotokoll abrufbar, in dem fast endgültig beantwortet wird, ob es denn nun eine Netzgeneration gibt, oder nicht ;-)


Add comment Juni 12, 2008

Personalisiert Lernen

Im UK läuft seit einiger Zeit eine recht spannende Debatte darum, wie sich formelles Lernen besser “personalisieren”, d.h. auf individuelle Bedürfnisse und Interessen der Lernenden anpassen lässt. Ausgangspunkt der Diskussion bildete Charles Leadbeaters Paper über Personalisierung im Public Sector aus 2003. Auf dem höchsten Level meint Personalisierung eine professionell Unterstützte Selbstorganisation. Ein Beispiel dafür wäre ein gesunde Lebensführung, angeleitet durch Experten aus dem Gesundheitsbereich.

Ein besonders geeigneter Anwendungskontext für das Konzept wird im Bildungsbereich gesehen, wo Studierende zunehmend als Mitgestalter von Lernzielen eingebunden werden und ihnen grössere Wahlmöglichkeiten hinsichtlich ihrer Kompetenzentwicklung gegeben werden sollen.

Wie alle Konzepte, die auf Selbstorganisation fokussieren, steckt auch im Personalisierungskonzept die Gefahr der Überforderung. Konsequenz wäre, dass vor allem diejenigen, die sozial sowieso schon benachteiligt sind, in einem zunehmenden “Kompetenz-Wettbewerb” noch weiter ins Hintertreffen geraten (siehe dazu: Campbell, R. J., Robinson, W., Neelands, J., Hewston, R., & Mazzoli, L. (2007). Personalised Learning: Ambiguities in Theory and Practice. British Journal of Educational Studies, 55(2), 135-154.). Und natürlich bietet der Ansatz jede Menge Raum für Rhetorik und Polemik - da muss man sicher vorsichtig sein.

Aus meiner Sicht hat das Konzept aber auch was für sich. Denn im Gegensatz z .B. zur “wundersamen” Selbstorganisation im Netz durch Web2.0 (siehe Gabis Arbeitsbericht) werden in Konzepten zur Personalisierung von Bildung ganz explizit Strategien zur Unterstützung von Selbstorganisation angesprochen und eingefordert. Gewissermassen ein Kontext-Design, das sich nicht nur auf einzelne Lernaktivitäten innerhalb vorgegebener Rahmenstrukturen (z.B. Kursen, Curricula) bezieht, sondern ganz aktiv Lernende dabei unterstützt, ihre eigenen Lernpfade selbstverantwortlich zu planen und zu überwachen. Letzlich wird ein Kulturwandel in der Bildung angesprochen, wie ihn z.B. auch Bologna verfolgt. Nur, dass Personalisation eine Wandelstrategie anspricht, in welcher die Lernenden, um die es ja beim “Shift from Teaching to Learning” gehen soll, gleich eingebunden werden. Gespannt darf man, sein, wie erfolgreich diese ambitionierten Ziele schliesslich umgesetzt werden…

Hier kann man mal reinschauen:

Leadbeter: Learning about Personalisation (mit speziellem Fokus auf Bildung)

Futurelab: The Learner Voice

Teaching and Learning Research Programme: Personalised Learning

Leider habe ich bisher vor allem Konzeptpapiere und Praxisberichte, aber noch kaum wissenschaftlich fundierte Literatur im Sinne theoretischer und empirischer Arbeiten gefunden. Zudem bezieht sich praktisch alles auf die Schulpraxis. Für den Hochschulbereich scheint es hier (noch) nicht viel zu geben. Für Hinweise bin ich natürlich dankbar.


Add comment Juni 12, 2008

e-inclusion: Digitale Tools für Menschen mit Lernschwierigkeiten

Mal eine andere Perspektive auf digitale Technologien: Futurelab hat im Mai einen Arbeitsbericht zur Nutzung digitaler Lerntechnologien zur Unterstützung von Menschen mit Lernschwierigkeiten veröffentlicht:

“[...] one of the key findings of this review is the need for a more mature and established field of research in the area of digital technologies and learning difficulties, one in which research is connected with a wider theoretical understanding of learning in social contexts and with digital
technologies, rather than constrained to the evaluation of the efficacy (or otherwise) of particular tools” (Abbott, 2008, 9).

Abgesehen davon, dass der zweite Teil dieses Zitats für den Einsatz digitaler Tools im Allgemeinen gelten kann, finde ich den Ansatz der e-inclusion interessant: Er betrachtet digitale Techologien nicht vor dem Hintergrund von hochkompetentn Lead-Usern. Vielmehr sehen die Autoren das Potenzial, die Unterschiede zwischen “normalen” Lernenden und solchen mit Lernschwierigkeiten zu verringern:

There are no longer strong barriers between products aimed at this supposed group and those aimed at the mainstream(ebd., 18).

Abbott, C. (2008). E-inclusion: Learning Difficulties and Digital Technologies. Futurelab Report 15. Available electronically: http://www.futurelab.org.uk/resources/documents/lit_reviews/Learning_Difficulties_Review2.pdf (2008-06-04).

Zum Themenkreis Educational Technologies und Social Justice hat Futurelab auch ein kostenfreise E-Book herausgebracht (das ich aber noch nicht näher angesehen, sondern nur überflogen) habe:

Grant, L. (2008). Designing educational technologies for social justice. A Futurelab Handbook. Available electronically: http://www.futurelab.org.uk/resources/documents/handbooks/designing_for_social_justice2.pdf (2008-06-04).


Add comment Juni 4, 2008

Alles Selbstorganisation oder was?

Seit heute ist ein neuer Arbeitsbericht von Gabi zum Thema Selbstorganisation im Netz online. Der Bericht basiert auf einer Keynote, die Gabi heute morgen auf der Edumedia-Tagung in Salzburg gehalten hat. Es geht um Selbstorganisation und damit um eines der aktuellen Lieblings-Buzzwords im Bereich der Lehr-Lernforschung (wie vor einigen Jahren E-Learning und neben aktuellen Schlagworten wie Web2.0, Netzgeneration etc.).

Gabi nimmt das Phänomen Selbstorganisation genauer unter die Lupe und analysiert zunächst, was mit Selbstorganisation beim Lernen gemeint sein kann, indem sie differenzierende Begrifflichkeiten unterscheidet: Selbstregulation (innere Strukturierung), Selbststeuerung (äussere Strukturierung) und Selbstbestimmung (eigenverantwortliches Herstellen einer Passung zwischen innerer und äusserer Strukturierung).

“Die spannende Frage ist nun, wie die innere und äussere Strukturierung des Lernens zusammenhängen. Selbstregulierung und Selbststeuerung sind letzlich zwei Perspektiven ein- und desselben Phänomens, denn: Es gibt immer eine irgendwie geartete innere und äussere Strukturierung beim Lernen. Genau hier hat aus meiner Sicht das Konzept der Selbstbestimmung seinen Platz, und zwar Selbstbestimmung in dem Sinne, dass die Person eine Passung zwischen der inneren und äusseren Strukturierung herstellen kann und muss und dafür die Verantwortung trägt” (Reinmann, 2008, 8).

In dieser Differenzierung deutet sich schon die meiner Meinung nach interessanteste Aussage des Papiers an: Selbstorganisation hat auch, aber nicht nur mit (meta-)kognitiven Fähigkeiten zu tun, die es einem prinzipiell ermöglichen das eigene Lernen (verstanden als kognitiven Prozess) zu steuern. Das alleine ist schon überaus anspruchsvoll und dürfte bei weitem nicht von jedem Lernenden ohne weiteres zu bewältigen sein (ebd., 9f). Daneben ist selbstbestimmtes Handeln und auch eine Frage des Willens: Um selbstbestimmt handeln zu können und mein Lernen entsprechend selbst zu organisieren, muss ein Lernender sprichwörtlich wissen, was er/sie will, d.h. was mit dem Lernen erreicht werden soll.

“Selbstorganisiertes Lernen setzt nicht nur Interesse am Gegenstand des Lernens, ein ausreichendes Mass an Vorwissen oder Vorverständnis zum Thema sowie grundlegende Fähigkeiten und Übung in der Selbststeuerung innerhalb einer Lernumgebung voraus. Selbstorganisiertes Lernen - so meine These - ist auch nur dann möglich, wenn Lernende den freien Willen dazu haben und zwar im Sinne eines angeeigneten Willens. Das heisst, dass sich ein Lernender darüber im Klaren sein muss, welches Wissen und Können er wozu eigentlich erwerben möchte, und dass er es schafft, dies zum Ausdruck zu bringen” (ebd., 11).

Diese, wie ich meine, gut differenzierte Perspektive auf das Phänomen Selbstorganisation zeigt doch, dass man durchaus kritisch gegenüber der Euphorie bezüglich selbstorganisierter Lerner im Web2.0 sein darf: Natürlich wird viel produziert und auch viel gelernt. Aber wer lernt angesichts der hohen Voraussetzungen wirklich effektiv, wer findet sich im Informationsangebot zurecht, wer kann seine “Kompetenzentwicklung im Netz” auch tatsächlich selbstbestimmt (auf Basis selbst gesetzter Ziele) gestalten? Fragen, die es zu klären gilt.

Selbst konnte ich leider nicht in Salzburg dabei sein. Ich bin aber gespannt, wie der Vortrag auf der Edumedia angekommen ist.


Add comment Juni 3, 2008

Higher Education Empirical Research Database

Auf der Higher Education Empirical Research Database der Open University findet man, nach Themengebieten gegliedert, Studien im Bereich Hochschulforschung. Themengebiete sind:

  • Access and widening participation (AWP)
  • Business, community and regional issues (BCRI)
  • Course design and structures (CDS)
  • Graduate labour market (GLM)
  • Institutional management and finance (IMF)
  • International (INT)
  • Learning, teaching and assessment (LTA)
  • Quality assurance (QA)
  • Research (RES)
  • Staffing (STAFF)
  • Students - characteristics, experiences, expectations (SCEE)

Das Angebot ist kostenlos, man muss sich aber registrieren.


2 comments April 28, 2008

Bildung ist “in”

Inspiriert von Sandras aktueller Skype-Sentenz kann ich nur zustimmend feststellen: Bildung ist tatsächlich (immer noch oder wieder) “in”. Während im deutschsprachigen Raum gerade viel darüber diskutiert wird, wie man das Lernen im Sinne effektiver Kompetenzentwicklung verbessern kann, schreiben D’Andrea und Gosling (2005, 23):

There is a danger that the focus on the single term “learning” results in an imporverishment of the educational process. This is for two reasons. The first is that it could lead to an underestimation of the extent to whicht the student must come to a position of intellectual autonomy (Barnett, 1990). This is not just a matter of learning, it is also a matter of making judgements, making value commitments, taking positions.  [...] The second, but liked, point is that students do much more than learn: they discuss, debate, perform, act, create, argue, experiment, treat patients, research, make business plans, and much more. Of course, through these performative acts they may also be learning, but all of these acts cannot be reduced to learning alone (D’Andrea, V., Gosling, D. (2005). Improving Teaching and Learning in Higher Education: A whole institution approach. Maidenhead: Open University Press.)

Und - für mich natürlich besonders interessant - in der “Vision 2010″, dem Leitbild der Universität St. Gallen heisst es unter anderem:

Wir werden für unser universitäres Umfeld geschätzt, in dem sich Menschen ihren Fähigkeiten entsprechend zu verantwortungsbewussten Persönlichkeiten entwickeln. [...]

Wir wollen Studierende gewinnen, die ihre Begabungen und ihre Leistungsfähigkeit nicht nur für ihren persönlichen Erfolg, sondern auch gesellschaftlich verantwortungsvoll einsetzen.

Elemente von - wie ich meine - ganz klassischen Bildungszielen finden also durchaus Eingang in Modelle und Institutionen, welche ganz klar die Linie einer modern gemanageden Hochschule mit deutlichen Bezügen zur Wirtschaft vertreten. Vielleicht gehen Begriffspaare wie Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung oder Bildungs- vs. Lernperspektive doch nochmal zusammen. Wer weiss.


Add comment April 28, 2008


 

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