Personalisiert Lernen
Juni 12, 2008
Im UK läuft seit einiger Zeit eine recht spannende Debatte darum, wie sich formelles Lernen besser „personalisieren“, d.h. auf individuelle Bedürfnisse und Interessen der Lernenden anpassen lässt. Ausgangspunkt der Diskussion bildete Charles Leadbeaters Paper über Personalisierung im Public Sector aus 2003. Auf dem höchsten Level meint Personalisierung eine professionell Unterstützte Selbstorganisation. Ein Beispiel dafür wäre ein gesunde Lebensführung, angeleitet durch Experten aus dem Gesundheitsbereich.
Ein besonders geeigneter Anwendungskontext für das Konzept wird im Bildungsbereich gesehen, wo Studierende zunehmend als Mitgestalter von Lernzielen eingebunden werden und ihnen grössere Wahlmöglichkeiten hinsichtlich ihrer Kompetenzentwicklung gegeben werden sollen.
Wie alle Konzepte, die auf Selbstorganisation fokussieren, steckt auch im Personalisierungskonzept die Gefahr der Überforderung. Konsequenz wäre, dass vor allem diejenigen, die sozial sowieso schon benachteiligt sind, in einem zunehmenden „Kompetenz-Wettbewerb“ noch weiter ins Hintertreffen geraten (siehe dazu: Campbell, R. J., Robinson, W., Neelands, J., Hewston, R., & Mazzoli, L. (2007). Personalised Learning: Ambiguities in Theory and Practice. British Journal of Educational Studies, 55(2), 135-154.). Und natürlich bietet der Ansatz jede Menge Raum für Rhetorik und Polemik – da muss man sicher vorsichtig sein.
Aus meiner Sicht hat das Konzept aber auch was für sich. Denn im Gegensatz z .B. zur „wundersamen“ Selbstorganisation im Netz durch Web2.0 (siehe Gabis Arbeitsbericht) werden in Konzepten zur Personalisierung von Bildung ganz explizit Strategien zur Unterstützung von Selbstorganisation angesprochen und eingefordert. Gewissermassen ein Kontext-Design, das sich nicht nur auf einzelne Lernaktivitäten innerhalb vorgegebener Rahmenstrukturen (z.B. Kursen, Curricula) bezieht, sondern ganz aktiv Lernende dabei unterstützt, ihre eigenen Lernpfade selbstverantwortlich zu planen und zu überwachen. Letzlich wird ein Kulturwandel in der Bildung angesprochen, wie ihn z.B. auch Bologna verfolgt. Nur, dass Personalisation eine Wandelstrategie anspricht, in welcher die Lernenden, um die es ja beim „Shift from Teaching to Learning“ gehen soll, gleich eingebunden werden. Gespannt darf man, sein, wie erfolgreich diese ambitionierten Ziele schliesslich umgesetzt werden…
Hier kann man mal reinschauen:
Leadbeter: Learning about Personalisation (mit speziellem Fokus auf Bildung)
Futurelab: The Learner Voice
Teaching and Learning Research Programme: Personalised Learning
Leider habe ich bisher vor allem Konzeptpapiere und Praxisberichte, aber noch kaum wissenschaftlich fundierte Literatur im Sinne theoretischer und empirischer Arbeiten gefunden. Zudem bezieht sich praktisch alles auf die Schulpraxis. Für den Hochschulbereich scheint es hier (noch) nicht viel zu geben. Für Hinweise bin ich natürlich dankbar.
Entry Filed under: Bildung, Uni / Studium. Schlagworte: Lernkultur, Personalisation, Personalisierung, Selbstorganisation.
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