Alles Selbstorganisation oder was?

Juni 3, 2008

Seit heute ist ein neuer Arbeitsbericht von Gabi zum Thema Selbstorganisation im Netz online. Der Bericht basiert auf einer Keynote, die Gabi heute morgen auf der Edumedia-Tagung in Salzburg gehalten hat. Es geht um Selbstorganisation und damit um eines der aktuellen Lieblings-Buzzwords im Bereich der Lehr-Lernforschung (wie vor einigen Jahren E-Learning und neben aktuellen Schlagworten wie Web2.0, Netzgeneration etc.).

Gabi nimmt das Phänomen Selbstorganisation genauer unter die Lupe und analysiert zunächst, was mit Selbstorganisation beim Lernen gemeint sein kann, indem sie differenzierende Begrifflichkeiten unterscheidet: Selbstregulation (innere Strukturierung), Selbststeuerung (äussere Strukturierung) und Selbstbestimmung (eigenverantwortliches Herstellen einer Passung zwischen innerer und äusserer Strukturierung).

„Die spannende Frage ist nun, wie die innere und äussere Strukturierung des Lernens zusammenhängen. Selbstregulierung und Selbststeuerung sind letzlich zwei Perspektiven ein- und desselben Phänomens, denn: Es gibt immer eine irgendwie geartete innere und äussere Strukturierung beim Lernen. Genau hier hat aus meiner Sicht das Konzept der Selbstbestimmung seinen Platz, und zwar Selbstbestimmung in dem Sinne, dass die Person eine Passung zwischen der inneren und äusseren Strukturierung herstellen kann und muss und dafür die Verantwortung trägt“ (Reinmann, 2008, 8).

In dieser Differenzierung deutet sich schon die meiner Meinung nach interessanteste Aussage des Papiers an: Selbstorganisation hat auch, aber nicht nur mit (meta-)kognitiven Fähigkeiten zu tun, die es einem prinzipiell ermöglichen das eigene Lernen (verstanden als kognitiven Prozess) zu steuern. Das alleine ist schon überaus anspruchsvoll und dürfte bei weitem nicht von jedem Lernenden ohne weiteres zu bewältigen sein (ebd., 9f). Daneben ist selbstbestimmtes Handeln und auch eine Frage des Willens: Um selbstbestimmt handeln zu können und mein Lernen entsprechend selbst zu organisieren, muss ein Lernender sprichwörtlich wissen, was er/sie will, d.h. was mit dem Lernen erreicht werden soll.

„Selbstorganisiertes Lernen setzt nicht nur Interesse am Gegenstand des Lernens, ein ausreichendes Mass an Vorwissen oder Vorverständnis zum Thema sowie grundlegende Fähigkeiten und Übung in der Selbststeuerung innerhalb einer Lernumgebung voraus. Selbstorganisiertes Lernen – so meine These – ist auch nur dann möglich, wenn Lernende den freien Willen dazu haben und zwar im Sinne eines angeeigneten Willens. Das heisst, dass sich ein Lernender darüber im Klaren sein muss, welches Wissen und Können er wozu eigentlich erwerben möchte, und dass er es schafft, dies zum Ausdruck zu bringen“ (ebd., 11).

Diese, wie ich meine, gut differenzierte Perspektive auf das Phänomen Selbstorganisation zeigt doch, dass man durchaus kritisch gegenüber der Euphorie bezüglich selbstorganisierter Lerner im Web2.0 sein darf: Natürlich wird viel produziert und auch viel gelernt. Aber wer lernt angesichts der hohen Voraussetzungen wirklich effektiv, wer findet sich im Informationsangebot zurecht, wer kann seine „Kompetenzentwicklung im Netz“ auch tatsächlich selbstbestimmt (auf Basis selbst gesetzter Ziele) gestalten? Fragen, die es zu klären gilt.

Selbst konnte ich leider nicht in Salzburg dabei sein. Ich bin aber gespannt, wie der Vortrag auf der Edumedia angekommen ist.

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