Archiv für Juni, 2008
Designing Activity-Based Learning Environments: Artikel online
Der Artikel, den ich zusammen mit Tom für den SCIL-Kongress verfasst habe, ist nun im Rahmen eines SCIL-Arbeitsberichts erschienen und online verfügbar:
Jenert, T. & Sporer, Th. (2008). Designing Activity-Based Learning Environments from a Student PerspectiveBrahm, T. (Ed.), The Changing Face of Learning in Higher Education Institutions Paper Proceedings of the 3rd International scil Congress 2008, St. Gallen: scil, Universität St. Gallen.
In dem Artikel diskutieren wir unterschiedliche Methoden vor, wie praktische Erfahrung und theoretisches Wissen zusammen vermittelt werden können. Einerseits klassische Seminare mit Praxiselementen, andererseits das grossteils selbstorganisierte Selbststudium. Als Synthese beider Formen präsentieren wir ein Kursdesign, dass Studierende von einer eher geschlossenen, vertrauten hin zu einer offenen, selbstorganisierten Lernform führt.
Juni 25, 2008 at 9:41 vormittags Hinterlasse einen Kommentar
Curriculum Development
Gestern waren ich und Anja an der Pädagogischen Hochschule Zürich zu einem Workshop von Harry Hubball zum Thema Curriculum-Entwicklung. Hubball ist Associate Professor an der Universität von Vancouver, Canada und befasst sich mit der Entwicklung “lernzentrierter” Curricula. Der Fokus lag dabei auf der Programmebene, d. h. die Konzeption eines ganzen Studiengangs über mehrere Semester. Für mich war das eine relativ neue Perspektive, weil ich sonst eher didaktische Interventionen auf Modul- und noch eher Kursebene kenne.
Die bunte Zusammensetzung des Publikums (mit dabei waren z. B. Curriculumsverantwortliche aus den Bereich en Lehrerbildung, Musikerziehung, zeitgenössischer Tanz,…) machte den Workshop ebenso interessant wie die lebendige Art Hubballs und seine Fähigkeit, die Erfahrungen der Workshopteilnehmer als Diskussionsanker aufzunehmen und doch noch eigenen Input zu liefern.
Besonders interessant fand ich persönlich vor allem die Frage, wie man von einzelnen Modulen zu einem Studiengang gelangt, der von Studierenden sowohl horizontal (innerhalb eines Semesers) als auch vertikal (über den gesamten Zeitverlauf des Studiums) als kohärent erlebt wird. Hubball empfiehlt, der “Curriculum Learning Community” beachtung zu schenken und diese zu stärken. Das bedeutet, alle, die an einem Studiengang mitwirken, sollten vor der Planung, während der Implementation und auch einige Zeit nach der Einführung in die Curriculumsentwicklung mit einbezogen werden, sodass ein echtes Verantwortungsgefühl und Interesse (commitment) entsteht.
Die Studierenden sind dabei eine wichtige Anspruchsgruppe und sollten von daher vor Beginn der Lernaktivitäten zu ihren Bedürfnissen und Vorstellungen befragt werden. Desweiteren sei es wichtig, didaktische Gestaltungsprozesse für alle Betroffenen transparent zu machen, also die Gründe für Veränderungen klar zu kommunizieren und z. B. deutlich zu machen, dass damit eine Verbesserung einhergeht oder Wünsche berücksichtigt werden.
Ferner sei es erforderlich, die Curriculumentwicklung in gewisser Weise zu professionalisieren (establish a “Scholarship of Curriculum Practice”), d.h. Curriculumentwicklung als ganzheitlichen Prozess zu verstehen (im Gegensatz zu eher fragmentarischen Ansätzen, in denen unterschiedliche Elemente des Curriculums von verschieden Personen entwickelt werden) und in die Hände von Experten zu geben, die sich wiederum in der wissenschaftlichen Community etablieren.
Literaturtipp:
Hubball, H.T., & Gold, N. (2007). The Scholarship of Curriculum Practice and Undergraduate Program Reform: Theory into Practice. New Directions for Teaching and Learning 112, 5-14.
Juni 18, 2008 at 7:24 nachmittags Hinterlasse einen Kommentar
“Amerikanisierung” falsch verstanden
Gabi (danke für den intersannten Hinweis!) verweist in ihrem Blog auf einen Artikel von Havard-Professor Jeffrey Hamburger in Forschung und Lehre, zum Umbau des deutschen Hochschulsystems. Was hierzulande häufig als Amerikanisierung gesehen wird, empfindet Hamburger, selbst Professor in Harvard, als einen Verlust von Werten, die ausgerechnet die amerikanischen Hochschulen im 19. Jahrhundert versucht haben von der deutschen Hochschule zu übernehmen. Interessant, dass Hamburger in den US-amerikanischen Bachelor-Master-Abschlüssen ausgerechnet die Flexibilität, Wahlfreiheit und Selbstverantwortung (“die Freiheit, den eigenen Studienverlauf selbst zu gestalten”) wiederfindet, die hierzlande mit Verweis auf effizientere (Aus-) Bildung eher kritisch betrachtet wird.
Für mich ein deutliches Zeichen dafür, dass Fragen zur Flexibilität und zur Gestaltung von Studienpfaden mit Bologna nicht gegessen sind, im Gegenteil. Gerade jetzt sollte man sich Gedanken machen, wieviel Freiheit man Studierenden zutraut. Zumal man ja am Ende den selbstorganisierten Lernenden haben will
Net-Generation Expertenchat: Protokoll online
Leider konnte ich beim e-teaching.org Expertenchat mit Rolf Schulmeister nicht dabei sein, da war ich gerade auf der Autobahn: Mittlerweile ist das Chatprotokoll abrufbar, in dem fast endgültig beantwortet wird, ob es denn nun eine Netzgeneration gibt, oder nicht
Juni 12, 2008 at 12:50 nachmittags Hinterlasse einen Kommentar
Personalisiert Lernen
Im UK läuft seit einiger Zeit eine recht spannende Debatte darum, wie sich formelles Lernen besser “personalisieren”, d.h. auf individuelle Bedürfnisse und Interessen der Lernenden anpassen lässt. Ausgangspunkt der Diskussion bildete Charles Leadbeaters Paper über Personalisierung im Public Sector aus 2003. Auf dem höchsten Level meint Personalisierung eine professionell Unterstützte Selbstorganisation. Ein Beispiel dafür wäre ein gesunde Lebensführung, angeleitet durch Experten aus dem Gesundheitsbereich.
Ein besonders geeigneter Anwendungskontext für das Konzept wird im Bildungsbereich gesehen, wo Studierende zunehmend als Mitgestalter von Lernzielen eingebunden werden und ihnen grössere Wahlmöglichkeiten hinsichtlich ihrer Kompetenzentwicklung gegeben werden sollen.
Wie alle Konzepte, die auf Selbstorganisation fokussieren, steckt auch im Personalisierungskonzept die Gefahr der Überforderung. Konsequenz wäre, dass vor allem diejenigen, die sozial sowieso schon benachteiligt sind, in einem zunehmenden “Kompetenz-Wettbewerb” noch weiter ins Hintertreffen geraten (siehe dazu: Campbell, R. J., Robinson, W., Neelands, J., Hewston, R., & Mazzoli, L. (2007). Personalised Learning: Ambiguities in Theory and Practice. British Journal of Educational Studies, 55(2), 135-154.). Und natürlich bietet der Ansatz jede Menge Raum für Rhetorik und Polemik – da muss man sicher vorsichtig sein.
Aus meiner Sicht hat das Konzept aber auch was für sich. Denn im Gegensatz z .B. zur “wundersamen” Selbstorganisation im Netz durch Web2.0 (siehe Gabis Arbeitsbericht) werden in Konzepten zur Personalisierung von Bildung ganz explizit Strategien zur Unterstützung von Selbstorganisation angesprochen und eingefordert. Gewissermassen ein Kontext-Design, das sich nicht nur auf einzelne Lernaktivitäten innerhalb vorgegebener Rahmenstrukturen (z.B. Kursen, Curricula) bezieht, sondern ganz aktiv Lernende dabei unterstützt, ihre eigenen Lernpfade selbstverantwortlich zu planen und zu überwachen. Letzlich wird ein Kulturwandel in der Bildung angesprochen, wie ihn z.B. auch Bologna verfolgt. Nur, dass Personalisation eine Wandelstrategie anspricht, in welcher die Lernenden, um die es ja beim “Shift from Teaching to Learning” gehen soll, gleich eingebunden werden. Gespannt darf man, sein, wie erfolgreich diese ambitionierten Ziele schliesslich umgesetzt werden…
Hier kann man mal reinschauen:
Leadbeter: Learning about Personalisation (mit speziellem Fokus auf Bildung)
Futurelab: The Learner Voice
Teaching and Learning Research Programme: Personalised Learning
Leider habe ich bisher vor allem Konzeptpapiere und Praxisberichte, aber noch kaum wissenschaftlich fundierte Literatur im Sinne theoretischer und empirischer Arbeiten gefunden. Zudem bezieht sich praktisch alles auf die Schulpraxis. Für den Hochschulbereich scheint es hier (noch) nicht viel zu geben. Für Hinweise bin ich natürlich dankbar.
Juni 12, 2008 at 11:17 vormittags Hinterlasse einen Kommentar
e-inclusion: Digitale Tools für Menschen mit Lernschwierigkeiten
Mal eine andere Perspektive auf digitale Technologien: Futurelab hat im Mai einen Arbeitsbericht zur Nutzung digitaler Lerntechnologien zur Unterstützung von Menschen mit Lernschwierigkeiten veröffentlicht:
“[...] one of the key findings of this review is the need for a more mature and established field of research in the area of digital technologies and learning difficulties, one in which research is connected with a wider theoretical understanding of learning in social contexts and with digital
technologies, rather than constrained to the evaluation of the efficacy (or otherwise) of particular tools” (Abbott, 2008, 9).
Abgesehen davon, dass der zweite Teil dieses Zitats für den Einsatz digitaler Tools im Allgemeinen gelten kann, finde ich den Ansatz der e-inclusion interessant: Er betrachtet digitale Techologien nicht vor dem Hintergrund von hochkompetentn Lead-Usern. Vielmehr sehen die Autoren das Potenzial, die Unterschiede zwischen “normalen” Lernenden und solchen mit Lernschwierigkeiten zu verringern:
There are no longer strong barriers between products aimed at this supposed group and those aimed at the mainstream(ebd., 18).
Abbott, C. (2008). E-inclusion: Learning Difficulties and Digital Technologies. Futurelab Report 15. Available electronically: http://www.futurelab.org.uk/resources/documents/lit_reviews/Learning_Difficulties_Review2.pdf (2008-06-04).
Zum Themenkreis Educational Technologies und Social Justice hat Futurelab auch ein kostenfreise E-Book herausgebracht (das ich aber noch nicht näher angesehen, sondern nur überflogen) habe:
Grant, L. (2008). Designing educational technologies for social justice. A Futurelab Handbook. Available electronically: http://www.futurelab.org.uk/resources/documents/handbooks/designing_for_social_justice2.pdf (2008-06-04).
Juni 4, 2008 at 6:30 nachmittags Hinterlasse einen Kommentar
Tools for Learning
Über Wolf bin ich auf eine Liste der Top 100 der digitalen Lerntools des Centre for Learning & Performance Technologies gestossen. Die Liste basiert auf der Einschätzung von 160 Professionals aus dem (beruflichen und nicht-beruflichen) Bildungsbereich.
Gut an der Liste finde ich, dass sie zeigt, dass es doch ganz einfache Tools mit sehr beschränkten Funktionalitäten sind, die einen grossen Einfluss auf das Lernen haben. Andererseits entsteht natürlich dadurch auch leicht wieder der Eindruck, als würden die Tools alleine schon Lernen “machen”. Hier sollte wohl im Einzelfall ganz genau nachgesehen werden, wie und wo (in welchem Kontext) die Tools eingesetzt werden und daraus wirklich gewünschte Lernprozesse resultieren.
Nichts desto weniger ist die Liste sicher eine gute Orientierung, wenn man mal ein Tool für einen ganz bestimmten Zweck braucht. Dazu kann man auch gut das ebenfalls über Centre for Learning & Performance Technologies verfügbare Inventar von aktuell über 2.300 Lerntools nutzen.
Juni 3, 2008 at 8:09 nachmittags Hinterlasse einen Kommentar
Alle auf der GMW08…
…so scheint es. Die Augsburger Medienpädagogik und ihr “Dunstkreis” sind dieses Jahr wohl zahlreicher auf der GMW-Tagung vertreten, denn je:
- Sandra, Gabi und Vicky haben erfolgreich einen Beitrag eingereicht: “w.e.b.Square – ein Modell
zwischen Studium und freier Bildungsressource” (nominiert für den Best-Paper-Award) - Tom, Nina und ich “Projekt i-literacy: Modell zur Förderung von Informationskompetenz im Verlauf des Hochschulstudiums”
- Tom und ich: “Open Education: Partizipative Lernkultur als Herausforderung und Chance für offene Bildungsinitiativen an Hochschulen”
- Zudem werden Tom, Hannah und Sandra einen Thementisch gestalten: “Offene Innovationsstrategien durch die Partizipation von Studierenden an Hochschulen? Fallbeispiele, Erfahrungen und Perspektiven”
Darüber hinaus berichten auch Mandy und Wolf, dass ihre Beiträge angenommen wurden. Ein bisschen traurig bin ich da schon, dass ich dieses Jahr wohl nicht mit dabei sein kann. Aber die nächste Konferenz kommt bestimmt
Alles Selbstorganisation oder was?
Seit heute ist ein neuer Arbeitsbericht von Gabi zum Thema Selbstorganisation im Netz online. Der Bericht basiert auf einer Keynote, die Gabi heute morgen auf der Edumedia-Tagung in Salzburg gehalten hat. Es geht um Selbstorganisation und damit um eines der aktuellen Lieblings-Buzzwords im Bereich der Lehr-Lernforschung (wie vor einigen Jahren E-Learning und neben aktuellen Schlagworten wie Web2.0, Netzgeneration etc.).
Gabi nimmt das Phänomen Selbstorganisation genauer unter die Lupe und analysiert zunächst, was mit Selbstorganisation beim Lernen gemeint sein kann, indem sie differenzierende Begrifflichkeiten unterscheidet: Selbstregulation (innere Strukturierung), Selbststeuerung (äussere Strukturierung) und Selbstbestimmung (eigenverantwortliches Herstellen einer Passung zwischen innerer und äusserer Strukturierung).
“Die spannende Frage ist nun, wie die innere und äussere Strukturierung des Lernens zusammenhängen. Selbstregulierung und Selbststeuerung sind letzlich zwei Perspektiven ein- und desselben Phänomens, denn: Es gibt immer eine irgendwie geartete innere und äussere Strukturierung beim Lernen. Genau hier hat aus meiner Sicht das Konzept der Selbstbestimmung seinen Platz, und zwar Selbstbestimmung in dem Sinne, dass die Person eine Passung zwischen der inneren und äusseren Strukturierung herstellen kann und muss und dafür die Verantwortung trägt” (Reinmann, 2008, 8).
In dieser Differenzierung deutet sich schon die meiner Meinung nach interessanteste Aussage des Papiers an: Selbstorganisation hat auch, aber nicht nur mit (meta-)kognitiven Fähigkeiten zu tun, die es einem prinzipiell ermöglichen das eigene Lernen (verstanden als kognitiven Prozess) zu steuern. Das alleine ist schon überaus anspruchsvoll und dürfte bei weitem nicht von jedem Lernenden ohne weiteres zu bewältigen sein (ebd., 9f). Daneben ist selbstbestimmtes Handeln und auch eine Frage des Willens: Um selbstbestimmt handeln zu können und mein Lernen entsprechend selbst zu organisieren, muss ein Lernender sprichwörtlich wissen, was er/sie will, d.h. was mit dem Lernen erreicht werden soll.
“Selbstorganisiertes Lernen setzt nicht nur Interesse am Gegenstand des Lernens, ein ausreichendes Mass an Vorwissen oder Vorverständnis zum Thema sowie grundlegende Fähigkeiten und Übung in der Selbststeuerung innerhalb einer Lernumgebung voraus. Selbstorganisiertes Lernen – so meine These – ist auch nur dann möglich, wenn Lernende den freien Willen dazu haben und zwar im Sinne eines angeeigneten Willens. Das heisst, dass sich ein Lernender darüber im Klaren sein muss, welches Wissen und Können er wozu eigentlich erwerben möchte, und dass er es schafft, dies zum Ausdruck zu bringen” (ebd., 11).
Diese, wie ich meine, gut differenzierte Perspektive auf das Phänomen Selbstorganisation zeigt doch, dass man durchaus kritisch gegenüber der Euphorie bezüglich selbstorganisierter Lerner im Web2.0 sein darf: Natürlich wird viel produziert und auch viel gelernt. Aber wer lernt angesichts der hohen Voraussetzungen wirklich effektiv, wer findet sich im Informationsangebot zurecht, wer kann seine “Kompetenzentwicklung im Netz” auch tatsächlich selbstbestimmt (auf Basis selbst gesetzter Ziele) gestalten? Fragen, die es zu klären gilt.
Selbst konnte ich leider nicht in Salzburg dabei sein. Ich bin aber gespannt, wie der Vortrag auf der Edumedia angekommen ist.
Juni 3, 2008 at 2:15 nachmittags Hinterlasse einen Kommentar